Samstag, 7. Oktober 2017

Wie ich meine eigenen Schnittmuster ordne und aufbewahre

Ich konstruiere jetzt schon seit fast zwei Jahren meine eigenen Schnittmuster. Dafür verwende ich einen Basisschnitt. Zuerst dachte ich, den habe ich jetzt für die nächsten zehn Jahre, dann wird sich meine Figur vielleicht ändern und ich muss anpassen. Wie naiv.
Inzwischen habe ich meinen Schnitt schon mehrmals geändert und jedes mal, wenn es zu viele Änderungen wurden, eine neue Version gezeichnet. Daraus habe ich schon einige Schnittmuster konstruiert und irgendwann wurde mir klar, dass der Tag kommt an dem ich keinen Durchblick mehr haben würde... Es kamen ja noch ein Jersey-Gundschnitt und mehrere Grundschnitte mit verschiedenen Bequemlichkeitszugaben dazu, und irgendwann soll es auch noch einen Hosengrundschnitt geben.

Es musste also ein Konzept her, wie ich meine Schnittmuster den verschiedenen Grundschnitten zuordnen kann und wie ich die Schnitte ordnen und aufbewahren kann.
Ich brauchte ein Benennungssystem und die Idee dafür habe ich von der Arbeit. Ich arbeite als Technische Zeichnerin in einem Ingenieurbüro und wir hatten mal einen Auftraggeber der alle seine Bauteile mit einem 15-Stelligen Code benannt hat. Daraus konnte man einige Informationen ablesen, das Halbzeug, das Material und die Oberflächenbehandlung beispielsweise, aber noch viel mehr. Das wurde zunächst sehr belächelt, aber eigentlich ist es sehr praktisch wenn man anhand der Nummer schon weiß, was man da für ein Bauteil vor sich hat. Und genau das wollte ich für meine Schnittmuster auch! In meinem "Code" sollte ersichtlich sein:

-Webstoff oder Jersey?
-Die Art des Grundschnitts
-Die Passformklasse
-Die Version des Grundschnitts
-Die Art des Kleidungsstücks
-Eine fortlaufende Nummer zur schnellen Zuordnung

Heraus kam dann so eine Nummer:

WTG04-1.4BL001

W = Webstoff oder Jersey? W steht für Webstoff, J für Jersey. Diese Stoffe sind so grundverschieden, dass es dafür unterschiedliche Grundschnitte gibt. Es gibt natürlich auch Webstoffe mit Stretchanteil und Jerseys, die sich kaum dehnen. In beiden Fällen würde ich dann zum Grundschnitt für Webstoff greifen.

TG = Art des Grundschnitts. TG steht für "Taillierter Oberteil Grundschnitt" und das sind bisher alle meine Grundschnitte. Einen Hosengrundschnitt wäre dann wohl HG.

04 = die Passformklasse, also wie groß die Bequemlichkeitszugabe ist. Die Passformklasse 4 ist schon sehr körpernah, ich nehme sie für Blusen. Meine Kleider haben Passformklasse 1, was eigentlich laut dem Hofenbitzer-Buch für Corsagen verwendet wird. Mir persönlich kommt das aber gar nicht so eng vor und ich mag es so. Das hängt auch stark von persönlichen Vorlieben ab, denke ich.

1.4 = die Version des Grundschnitts. Wie oben erwähnt habe ich meinen Grundschnitt schon oft angepasst. Das waren am Anfang vor allem kleine Korrekturen die noch nötig waren, aber die Figur ändert sich auch stetig und schneller als man denkt. Kleine Anpassungen mache ich einfach in einer anderen Farbe auf dem Grundschnitt, wenn es dann viele werden, oder die Änderung wesentlich ist, pause ich den Schnitt neu ab und er bekommt einen neue Nebenversionsnummer. Würde ich meinen Schnitt ganz neu aufstellen würde er einen neue Hauptversionsnummer bekommen.
Ich brauche diese Information, denn wenn ich einen Schnitt, den ich letztes Jahr konstruiert habe, nochmal nähen will, aber beispielsweise mit einem anderen Ärmel, dann ist es schon wichtig zu wissen, von welcher Version das Armloch ist.

BL = Art des Kleidungsstücks. BL steht für Bluse, KL wäre ein Kleid, JA für Jacke usw.

001 = fortlaufende Nummer.  Die schreibe ich auf alle Schnittteile und wenn ich ein Schnittmuster weiter entwickle kann ich mir notieren, dass es von 008 kopiert ist, oder das der Ausschnitt von 011 stammt. Das macht die Zuordnung einfacher und schneller.

Aufbewahrt werden meine Schnittmuster so:


Ich habe dafür Plastikhüllen mit einer Klappe, da passt ganz schön viel rein, das Schnittmuster, die Skizze, Notizen und wenn ich will kann ich sogar ein Probeteil da mit rein quetschen ;) Auf einem Aufkleber notiere ich meinen "Code".
Momentan passen alle Schnittmuster noch in so ein schickes Pappteil von Ikea:




In den etwas größeren Hüllen sind die Grundschnitte, diese erhalten im Prinzip die selbe Benennung wie die Schnittmuster, nur dass die Nummer nach der Versionsnummer endet.

Für die Skizzen habe ich meine Silhouette aufgemalt und lege mir das dann zum Zeichnen unter. A6 hat sich dabei als Format bewährt ;-)


Und weil ich als moderner Mensch ja alles irgendwie auch digitalisieren muss, habe ich meine Schnittmuster auch einer Datenbank auf meinem Smartphone. Dafür habe ich mir die App "Tab Forms" geholt. Hier finden sich alle meine konstruierten Schnittmuster übersichtlich wieder:


Hier kann ich dann auch so Schnickschnack wie Fotos, Inspirationsquelle, Stoffverbrauch und Notizen eintragen:


Eine App bei der das alles schon so ähnlich vorgefertigt ist gibt es auch, die heißt "My Sewing Kit" und eine umfangreiche Rezession dazu gibt es hier.

Mich würde sehr interessieren, wie ihr anderen Schnittmuster-Konstruiererinnen euren Überblick behaltet und wie ihr eure Schnittmuster aufbewahrt. Und falls ihr noch kein System habt, hoffe ich mein Blogpost konnte euch ein bisschen helfen ;-)

Kommentare:

  1. vielen dank für die genaue erklärung deiner dokumentation.
    im übrigen..ich weiß nicht,warum deine kollegen das system belächelt haben. grade im ingenieurwesen macht man doch das immer so-für mich ist da nichts aussergewöhnliches, sondern normal.aber vielelciht habe ich glück gehabt, mit sehr strukturierten menschen zu arbeiten:-))
    ich finde dein system sehr schön und gut.
    mal eine frage: wie wahrscheinlich ist das, dass du diesen shcnitt irgendwann mal nochmal so nimmst und nachnähst??
    ich frage es daher, weil z.b. meine Muse I.M.Paukshte die abgewandelte Schnitte nicht mal bis zu fertigstellung aufbewahrt- das geht bei ihr direkt in den mülleimer.sie macht immer nur kopien von dem basis-schnitt und wandelt es jedes mal neu ab.da es sehr shcnell geht, hat sie das gar nicht nötig,aufzubewahren.
    ich habe interesses halber bei den anderen profi-schneiderinen in russland nachgefragt.interessanterweise machen sie alle mehr oder weniger so. die meisten konstruieren einfach schnell neu,weil die masse sich eh ständig verändern. und viele konstruieren udn wandeln alles sofort auf dem stoff- d.h. sie haben nicht mal grundschnitte..

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    2. Natürlich haben wir auch eine Struktur in der Nummerierung, aber nicht so umfangreich, weil die Projekte viel kleiner sind.
      Schnitte die ich nicht so gut auskonstruiert finde, schmeiß ich auch gleich weg.
      Aber wenn mir was gefällt nähe ich das schon nochmal oder verwende Teile davon wieder. und selbst wenn ich es dann doch neu zeichne, finde ich es ganz gut, wenn ich noch mal nach schauen kann, wie ich es damals gemacht habe.
      Ich finde es aber schon aufwändig etwas zu konstruieren, an meinem Blazer saß ich einen ganzen Tag. Aber ich bin ja auch kein Profi sondern mache das in meiner Freizeit.

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    3. ich bin ja auch kein profi und konstruieren gehört nicht zu meinem alltag:-).lange zeit wollte ich es gar nciht mehr machen,WEIL ich es so aufwendig und zeitfressend fand.
      seitdem ich schnitt-abwandlungen bei Paukshte anschaue- alles ist deutlich einfacher und vor allem sehr schnell geworden.es gibt auf youtube jede menge neue videos mit unterlegten english-spur(Paukshte Fashion)

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  2. Ich finde dein System grandios, sehr gut durchdacht. Danke für's teilen!

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  3. Sehr praktibles System! Ich gebe meinen Schnitten auch Nummern. Ist halt die industriell-technische Prägung ;-) Ich habe derzeit für mich zwei Grundschnitte, einen für Webstoff in Passformklasse 4 und einen für Jersey in Passformklasse 1. Ich nummeriere Grundschnittversion, Modell und ggf. Variante: OT-GS, PK1J.2.7(3) Die Grundschnitte und die Schnitte, die ich häufiger in Gebrauch habe, hängen in Hosenbügel geklemmt auf einem Rollkleiderständer, alle anderen sammle ich auch in Prospekthüllen. Ich schreibe mal einen Blogpost dazu! Und den Tipp mit der App finde ich super, so etwas brauche ich noch. Danke! Liebe Grüße!

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